Einen Monat nach seiner Verhaftung schreibt Hans-Jürgen Rösner aus dem Gefängnis einen handschriftlichen Brief an seine Freundin Marion Löblich. Die Buchstaben sind sauber gesetzt, wie die Schönschreibübungen eines Viertklässlers. In dem Brief taucht eine Passage auf, hervorgehoben in Großbuchstaben und mit einem fetten Ausrufezeichen am Ende: „ARME SILKE, ARMER EMMANUELLE – RUHE IN FRIEDEN – ES TUT UNS LEID!“

Es ist ein bislang unveröffentlichter Brief. Eines der wenigen Zeugnisse, in denen Rösner überhaupt so etwas wie Reue zeigt und sich zumindest indirekt bei seinen Opfern entschuldigt. Öffentlich will Rösner dies auch 30 Jahre später nicht tun. Er habe diesbezüglich so seine eigene Ansicht: „Selbstverständlich lässt mich das Geschehen nicht kalt, aber meine Gefühle gegenüber den Opfern und dessen Hinterbliebenen behalte ich für mich, weil es keinen Sinn macht, dies zu offenbaren … Dass ich die Tat zutiefst bereue, das versteht sich von selbst, denn schließlich haben dabei Menschen ihr Leben gelassen!“

Aldo De Giorgi will von den Tätern nichts wissen. Am liebsten sähe er sie tot. Er wird die Geschehnisse von damals einfach nicht los. Auch 30 Jahre später sind für ihn die Tage im August 1988 so präsent, als würde alles gerade jetzt passieren. Der Moment, in dem er auf einem Polizeivideo seine beiden Kinder erkennt, wie sie mit im Bus der Geiselgangster sitzen: Emanuele, 14, sein Ältester, und seine kleine Tochter Tatjana, 8. Der Augenblick, in dem er an das Totenbett Emanueles treten musste – völlig alleingelassen, Tatjana immer noch in der Gewalt der Gangster. Bis heute ist er nicht imstande, Fotos seines Sohnes anzuschauen. Bis heute macht sich Aldo De Giorgi Vorwürfe, warum er seinen Sohn nicht beschützen konnte. Warum er nicht da war, als Dieter Degowski Emanuele kaltblütig eine Kugel in den Kopf jagte und sein Sohn verblutete. Auch Tatjana kann nicht vergessen. Der schreckliche Augenblick, in dem ihr Bruder aus dem Bus geschleift wird, hat sich für immer in ihre Seele eingebrannt. Bis heute schreckt sie zurück, wenn sie jemand unvermittelt berühren will.

Sie haben versucht, noch eine Weile in Deutschland zu bleiben. Doch es ging einfach nicht. Zu kalt waren die Reaktionen des Staates, dem es wichtiger war, Bescheide über Kürzungen von Sozialleistungen nach dem Tod Emanueles zu verschicken, als ein Wort des Bedauerns, der Entschuldigung über das, was seine Kinder zu erdulden hatten, weil die Polizei auf ganzer Linie versagt hatte. Aldo De Giorgi lebt seit Jahren wieder in seiner süditalienischen Heimat. Deutsch hat er seither nie wieder gesprochen. Tatjana ist inzwischen selbst Mutter von vier Kindern. Nur die Liebe ihrer eigenen Familie hilft ihr, den Mut nicht zu verlieren. Vergessen wird sie nie. Tatjana und all die die anderen Opfer – sie haben lebenslänglich.

Wie Ines Voitle. Bis heute muss sie sich immer wieder in psychologische Betreuung begeben. Bis heute wird sie die Eindrücke von damals nicht los, als ihre beste Freundin Silke Bischoff nur wenige Meter von ihr entfernt im Fluchtwagen von Rösner erschossen wurde. „Die Bilder und Fotos, die im Umlauf waren, Gerüche von Schweiß, Blut und Urin, die ich aus dem Bus kannte, die lassen mich heute noch erschaudern und versetzen mich immer noch in Panik. Und die Schüsse klingen noch im Ohr. Silvester war lange für mich die Hölle gewesen, wenn eine Tür zuknallt, war es die Hölle“, sagt Ines Voitle heute, 30 Jahre danach.

Die Mutter von Silke Bischoff malt. Immer wieder macht Karin R. Bilder von ihrer Tochter. Sie nimmt alte Fotos von Silke und zeichnet sie ab. Ihr ganzes Haus in der Nähe von Bremen ist voll davon. Bis heute erhebt sie schwere Vorwürfe gegen die Polizei, wirft den Verantwortlichen vor, am Ende ohne Rücksicht auf das Leben von Silke gehandelt zu haben. „Meine Tochter hätte nicht sterben müssen“, sagt sie. Silkes Opa Heinrich, bei dem das Mädchen aufwächst, stirbt kurze Zeit nach dem Tod seiner Enkelin – an einem gebrochenen Herzen.

Immer noch haben es die Polizeiführer von damals nicht vermocht, sich mit Opfern und Hinterbliebenen zu treffen und sich offiziell zu entschuldigen. In Bremen hat sich die Bürgerschaft in diesem Jahr erstmals mit der Frage befasst, ob und wie man an das Gladbecker Geiseldrama überhaupt erinnern soll. Erst jetzt, 30 Jahre später, soll an der Bushaltestelle in Huckelriede eine Gedenktafel errichtet werden. Das Versagen geht auch 30 Jahre nach Gladbeck immer noch weiter.