Ein kleiner Junge rollt mit seinem Fahrrad unbehelligt vor die offene Bustür und starrt ungläubig in die Mündungen der Waffen der Gangster. Ein Passant organisiert kalte Getränke und wird erst dann von einem Beamten zurückgehalten, als er die Cola zu den Geiseln bringen will.

Fotografen klettern zwischen den Geiseln herum und machen unbehelligt Bilder aus allen Lagen. Am liebsten fotografieren sie Emanuele und Tatjana, den großen Bruder, der schützend den Arm um seine kleine Schwester legt. Es werden die letzten gemeinsamen Bilder der beiden sein.

Gegenüber des Buses hat sich eine riesige Medienmeute aufgebaut, darunter auch der Bremer Fotoreporter Peter Meyer. Rösner sieht, wie sich immer mehr Scharfschützen auf den Dächern der angrenzenden Häuser postieren. Rösner winkt Meyer zu sich und bittet ihn, von der Polizei einen noch größeren Fluchtwagen und den vollständigen Abzug der Polizeikräfte zu verlangen. Meyer sagt ihm in der Hoffnung zu, dass auch er Bilder von den Geiseln machen darf. Rösner spürt, dass ihm die Sensationsgier der Journalisten helfen könnte, um seine Forderungen durchzusetzen.

Mit der Pistole in der Hand nähert er sich den anwesenden Fernsehteams. Der Schwerverbrecher Rösner gibt den lungernden Journalisten eine Pressekonferenz. Es ist ein Novum in der deutschen Kriminalgeschichte. Vor laufenden Kameras berichtet Rösner, er habe mehr als zehn Jahre im Gefängnis zugebracht, sei Berufsverbrecher, habe nichts mehr zu verlieren. Dann steckt er sich demonstrativ die Pistole in den Mund: „Für mich ist das absolut sicher, dass ich davonkomme – sonst diesen hier.“

Rösner wird in Bremen von Journalisten interviewt

Rösner wird bei seiner Vernehmung sagen, hätte ihn ein kompetenter Beamter verständnisvoll angesprochen, so hätte er in diesem Augenblick bei Zusicherung fairer Behandlung aufgegeben.

Doch von einem solchen Beamten fehlt jede Spur. Im Lagezentrum geht es drunter und drüber. Kripo-Chef Möller erweist sich als Fehlbesetzung. „Da werden immer noch Fußgänger reingelassen. Das kann doch wohl nicht wahr sein“, zeichnet der Polizeifunk mehr als eine halbe Stunde nach der Buskaperung auf. Möller kauert mal am Telefon, mal am Funkgerät, doch klare Anweisungen gibt er nicht. Als Fotograf Meyer diverse Male über sein Autotelefon versucht, bei der Polizei anzurufen, geht niemand ans Telefon. Der zuständige Beamte ist gerade auf der Toilette.

Fotograf Meyer wird zum Vermittler zwischen den Parteien. Die Fahnder bitten Meyer, an seinem Wagen, den Rösner als Austauschfahrzeug einfordert, einen Peilsender zu installieren. „Sonst kriegen wir sie ja nie.“ Ein anderer Journalist verpetzt den Trick mit dem Sender unvermittelt an Rösner – und macht sich damit zum Handlanger des Verbrechens. Die ersten Opfer dieses Tages sind Pflichtgefühl, Moral und Verantwortung – auf allen Seiten.

+++ Das Gedächtnisprotokoll von Peter Meyer

Rösner feuert nervös auf ein gegenüberliegendes Haus, als er dort die Läufe von Maschinengewehren zu erkennen glaubt. Nur um Haaresbreite verfehlt er einen Rentner, der sich aus dem Fenster lehnt. Zugreifen will die Polizei nicht, obwohl sich zahlreiche Gelegenheiten ergeben, alle drei Täter zeitgleich auszuschalten. Ein MEK-Mann funkt an einen Kollegen: „Man hätte solche Gelegenheiten, Mann, Mann, Mann.“ Doch Möller taucht ab. Der entscheidende Befehl für die finalen Rettungsschüsse bleibt aus.

Die Anspannung zwischen Geiseln und Gangstern schaukelt sich immer weiter auf. Weil Rösner jede Sekunde mit der Erstürmung des Busses rechnet, schleppt er zunächst Silke Bischoff vor den Bus. Als das nichts bewirkt, zerrt er die kleine Tatjana von ihrem Bruder los und im Würgegriff mit vorgehaltener Waffe auf die Straße. „Wenn keiner kommt, knall ich sie weg!“, brüllt Rösner wie ein Tier in das Dunkel des Abends und drückt dem Mädchen mit den dunkelbrauen Augen und dem hellen Haarband den Revolver an die Schläfe. Bis heute zuckt Tatjana, inzwischen selbst Mutter von vier Kindern, bei jeder Berührung der Schläfen zurück.

Rösner hat sich Silke und Tatjana ganz bewusst ausgesucht: eine schöne, blonde Frau und ein kleines Mädchen. Der Gangster will mit den beiden in seiner Hand seinen Zielen skrupellos näher kommen.

Weil sich die Polizei selbst jetzt immer noch nicht aus der Deckung wagt, gibt Rösner den Befehl zur Abfahrt. Um 21.45 Uhr setzt sich der Bus in Bewegung.

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