Bevor sich der Wagen wieder in Bewegung setzt, lassen Rösner und Löblich Degowski und die Geiseln nach dem Verstauen der Einkaufstüten weitere 20 Minuten allein. An einer Imbissbude essen sie Koteletts und Würstchen, trinken Cola und Brause und kaufen Marschverpflegung.

Geiseln und Gangster duzen sich inzwischen, wie die Polizei über die versteckten Mikrofone mithört. Ein psychologisches Phänomen bei Geiselnahmen, gespeist aus Angst und permanenter Anspannung, erstmals beobachtet bei einer Geiselnahme in Stockholm 1973, als sich die Geiseln nach den ersten Tagen mit den Kidnappern solidarisieren. Das Stockholm-Syndrom zeigt sich 15 Jahre später auch im Wagen der Gladbecker Geiselganster.

Frisch gestärkt verspricht Rösner den Geiseln, sie bei nächster Gelegenheit „irgendwo in den Karpaten“ freizulassen. Zuerst jedoch müsse es noch darum gehen, sich einen neuen Fluchtwagen zu besorgen. In Vegesack setzt er mit der Fähre auf die andere Seite der Weser über. Als er über dem Wasser einen Polizeihubschrauber am Himmel sieht, kehrt schlagartig die Verfolgungsangst zurück. Hektisch sucht Rösner nach einer Autovermietung. Die ersten Versuche scheitern. Mietwagen allein gegen Bargeld ohne Vorlage von Kreditkarte oder Eurocheque will niemand herausgeben.

Gangster und Geiseln werden immer nervöser. Eben noch angeblich kurz vor der Freilassung, ist davon jetzt keine Rede mehr. In Delmenhorst, einer Stadt westlich von Bremen, erreicht der Tross eine Autovermietung auf einem Tankstellengelände. Als auch hier Probleme wegen der fehlenden Kreditkarte entstehen, verliert Rösner nach einer Viertelstunde die Geduld. Mit der Pistole in der Hand zwingt er die Mitarbeiterin Christina N., ihm den Autoschlüssel für einen vor der Tür abgestellten BMW 318i zu geben. Erstmals seit Beginn der Odyssee sind die Täter im Besitz eines Fahrzeugs, das nicht von der Polizei präpariert worden ist. Rösner mäkelt, der BMW sei zu langsam und müsse schnell gegen einen anderen Wagen getauscht werden.

Rösner wird immer nervöser. Er fühlt sich zunehmend in die Enge getrieben, wird aggressiver. Zumal jetzt wieder Journalisten die Fährte des Fluchtwagens aufgenommen haben, allein vier vom Axel-Springer-Verlag – mit Autotelefonen. Auch ein Fernsehteam von Radio Bremen ist den Tätern auf den Fersen.

Um 18.16 Uhr stoppt das Fluchtauto vor einem türkischen Gemüseladen in Bremen-Huckelriede. Rösner steigt aus, um von dort die Geisel A. bei der Polizei anrufen zu lassen. Über 110 wird der Anruf ins Lagezentrum durchgestellt (der Wortlaut). Erst nach langem Zögern nimmt ein Beamter ab. „Dann hab’ ich ja jetzt wohl die Torte im Gesicht“, sagt der Beamte. Als A. nichts erreicht, schnappt sich Rösner das Telefon. Er fordert den völlig überforderten Beamten auf, die Verfolgung endlich einzustellen. Doch der reagiert nicht. Wütend tritt Rösner vor den Laden, fühlt sich „verarscht“ und schießt mit beiden Waffen je einmal in die Luft. Dann lädt er nach. Das Bremer Fernsehteam macht Aufnahmen von der Szene, die schon wenige Minuten danach über Millionen Bildschirme flimmern. Spätestens jetzt wird die Gladbecker Geiselnahme zum ersten Reality-Drama im deutschen Fernsehen.

Von nun an wird die Umgebung des Gemüseladens mit dem angrenzenden Busbahnhof zum Schauplatz eines Polizeiversagens bislang nie da gewesenen Ausmaßes. Und das halbe Land schaut live zu.

Mittlerweile sind nicht nur Einsatzzüge aus NRW und Bremen vor Ort, auch Niedersachen hat Verstärkung geschickt. Kripo und Schutzpolizei, damals noch voneinander getrennt, konkurrieren miteinander und agieren bisweilen in entgegengesetzte Richtungen. Während Gladbeck weiter auf Zurückhaltung setzt, wollen Bremer SEK-Beamte am liebsten sofort eingreifen („Kann jemand mal endlich ein definitives Wort sprechen, ob wir die endlich plattmachen sollen!“). Gefunkt wird immer noch auf verschiedenen Kanälen. Es herrscht Chaos, Verwirrung, Desorientierung. In aller Hektik vergessen die Polizisten, den Bereich rund um den Bahnhof weiträumig abzusperren. Busse und Bahnen fahren ein und aus. Menschen kommen von der Arbeit und steigen in die Straßenbahn ein. Kinder spielen. Und mittendrin die immer nervöser werdenden Rösner und Degowski, Colt und Pistolen im Anschlag.

Fernsehkameras laufen mit, als sich Rösner den Kassierer A. greift und Degowski dessen Kollegin B., die Pistole an ihre Schläfe gepresst. Gemeinsam gehen sie in Richtung Busbahnhof, während Löblich mit dem BMW im Schritttempo hinterherfährt. Als es Rösner nicht gelingt, mit vorgehaltener Pistole einen vorbeifahrenden Wagen zu kapern, sieht er zwei voll besetzte Busse an der Haltestelle stehen. Er hofft, die Polizei werde von einem Zugriff absehen, je mehr Unbeteiligte in Gefahr geraten. Als der erste Bus wegfährt, schießt Rösner in die Luft und zwingt den Fahrer des zweiten Busses mit auf ihn gerichteter Waffe, anzuhalten und die Tür zu öffnen. Der Fahrer hatte noch versucht, Gas zu geben und wegzufahren. Doch widersinnig vorschriftsmäßig bleibt er nach wenigen Metern an der Ampel stehen, als die auf Rot umspringt.

Es ist 19.04 Uhr, als Rösner und Degowski den Bus der Linie 53 betreten. Soeben hat Bremen von Gladbeck die Einsatzleitung übernommen. Das Unfassbare passiert – vor laufenden Kameras: Rösner bringt mitten im Berufsverkehr einen voll besetzten Bus in seine Gewalt. 30 Menschenleben.

Unter ihnen sind auch das Geschwisterpaar Tatjana (8) und Emanuele De Giorgi (14). Beide sitzen direkt vor den Freundinnen Ines Voitle und Silke Bischoff, die auch erst 18 Jahre alt sind.

Die Mädchen kennen sich seit frühester Kindheit. Sie sind beide in die Grundschule nach Bremen-Kattenesch gegangen und in einer Klasse gewesen. Vermutlich hat sie ihr ähnliches Schicksal früh eng aneinandergeschweißt. Beide sind ohne Vater aufgewachsen. Der Vater von Ines stirbt, als sie drei Jahre alt ist. Silke wächst ohne ihren leiblichen Vater auf, einen Bremer Kapitän, den sie auch später kaum zu Gesicht bekommt. Ihre Mutter lebt längst am anderen Ende der Stadt mit einem anderen Mann zusammen, doch zu dem will sich kein vertrauensvolles Verhältnis einstellen. Deshalb ist Silke seit ihrem fünften Lebensjahr bei ihren Großeltern. Opa Heinrich war früher Polizist. In seinem Haus fühlt sie sich geborgen, hat ein eigenes Zimmer mit Schminktisch und Yuccapalme.

Silke arbeitet als Anwaltsgehilfin. Nach Dienstschluss hätte sie an diesem Tag eigentlich längst zu Hause sein können. Doch sie wartet noch auf Ines, die als Lehrling in einer Zoohandlung arbeitet und etwas später Feierabend hat. Ines kann sich das bis heute nicht verzeihen. Beide wollen am Abend zusammen einen Horrorfilm auf Video sehen. Sie ahnen nicht, welchen Verlauf des Abends das Schicksal für sie vorgesehen hat. Auch nicht, als Rösner und Degowski plötzlich bewaffnet in den Bus stürmen. Rösner erklärt, niemand brauche Angst zu haben, droht aber gleichzeitig mit seinen Waffen und angeblichen Handgranaten. Ines denkt zunächst an einen schlechten Scherz. „Was ist hier denn los?, schoss mir in den Kopf“, erzählt Voitle später, „ist das vielleicht ‚Verstehen Sie Spaß?‘“.

Audio: Geisel Ines Voitle über den Moment der Bus-Kaperung

Die Gangster laden ihr Gepäck rasch in den Bus um. Rösner vermisst seine Zigaretten, geht zurück zum Wagen. Als er merkt, dass die Fahrertür verschlossen ist, schießt er durch die rechte Seitenscheibe des BMW, greift nach den Kippen und geht zum Bus zurück.

Löblich hat sich inzwischen zu einer vollwertigen Komplizin entwickelt. Sie erhofft sich einen Anteil an der Beute, ein gemeinsames Leben mit Rösner. Während Löblich die Fahrgäste mit einer Pistole bedroht, lassen Rösner und Degowski ältere Fahrgäste frei. Als der Busfahrer sagt, ihm sei übel und er habe eigentlich Feierabend, darf auch er gehen. Ein zufällig anwesender Kontrolleur der Bremer Stadtwerke erklärt, er könne den Bus fahren. Rösner willigt ein.

Die Geiseln scheucht er als Kugelfang in den hinteren Teil des Busses. Er glaubt, jetzt ausreichend geschützt zu sein und das nötige Drohpotenzial zu besitzen, um endlich in Verhandlungen mit der Bremer Polizei treten zu können. Er will die Busgeiseln gegen einen Polizeibeamten eintauschen. Doch die Polizei bleibt in Deckung. „Das wäre ein Todeskommando gewesen“, sagt Bremens Bürgermeister Klaus Wedemeier (SPD) später.

In Bremen spielen sich schier unvorstellbare Szenen ab.

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